Käfig

Es ist Samstag. Ich bin allein, liege auf dem Sofa und schaue Pretty Little Liars. Für mich eine Serie über Freundschaft, Beziehungen, Lifestyle. Shoppen, Kaffee trinken gehen, gemeinsam essen. All das, was ich nicht habe. Und der Mann ist weg. Feiern, mit seinen Freunden. Auch gemeinsam. Spaß haben, reden, lachen. Ich will das auch – können! Er fragt jedes Mal, ob ich mitkommen will. Immer. Und immer kann ich nicht. Ich schaffe es einfach nicht. Nicht weg von den Ängsten, den Zweifeln, der Sorge, etwas könne passieren.

An manchen Tagen denke ich, ich bekomme den Stock einfach nicht aus dem … . An anderen Tagen dann, sehe ich die Fortschritte; Ich kann allein einkaufen fahren, fast wann immer ich will. Ich habe es vier Monate zur Arbeit geschafft, ich kann telefonieren. Aber dann sind auch Tage da, an denen will ich nicht mehr. Will das nicht mehr aushalten müssen, dieses wollen aber nicht können. Dieses zerreißende Gefühl irgendwo zwischen Sehnsucht, Eifersucht und Selbsthass. Gefangen im eigenen Käfig.

Früher wollte ich gar nicht. Früher, da war ich gern allein. Habe Serien geschaut, gemalt, mir die Nägel gemacht … Und dann kam die Klinik. Zehn Wochen immer unter Menschen, ich mochte das. Der erste Kaffee morgens in der Raucherecke, bis zur letzten Zigarette abends. Immer Menschen. Immer Kontakt. Immer mit der Gewissheit, dass die Flucht jederzeit möglich ist, weil jeder es versteht. Auch, wenn ich kaum flüchten musste. Aber das fehlt. Ich hätte nie gedacht, dass ich das mal sage, aber; mir fehlen Menschen. Der Ferienlagercharakter der Klinik.

Und dann sitze ich zu Hause und bin unfähig zu tun, was ich tun will. Unter Menschen sein. In mir immer noch die Hoffnung, dass es im Frühling besser wird, dass es überhaupt besser wird. Manchmal bin ich mir so sicher. Manchmal denke ich, ich werde einsam sterben. Ich versuche es mit dem Essen zu vergleichen; vor einem Jahr aß ich zehn Lebensmittel. Heute esse ich Kuchen nach der Pizza. Vielleicht ist es mit dem sozialen Leben das Gleiche, vielleicht braucht es einfach Zeit, vielleicht muss ich es genug wollen. Vielleicht ist es tatsächlich noch nicht genug und ich muss den Schmerz der Einsamkeit gipfeln lassen.

Ich weiß es nicht. Was ich aber weiß ist, dass ich Hoffnung habe. Ich sehe mich, wie schon oft erwähnt, mit dem Mann im Kino oder Zoo. Mit der besten Freundin im Café. Ich sehe mich dort, wo ich hin will. Und ich hoffe, dass ich eines Tages von dort zurückblicken kann …

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(K)ein Jahresrückblick

Ein Jahr ist vergangen, seit ich meine ersten tapsigen Schritte in Richtung Recovery gemacht habe und beschlossen habe, diesen Weg zu teilen. Ich habe überlegt einen Jahresrückblick zu schreiben. Aber wenn ich an das vergangene Jahr denke, ist mein erster Gedanke, es hinter mir zu lassen. Es war ein Jahr voller Schmerz, Angst, Einsamkeit und Hoffnungslosigkeit. Genau so war es aber auch voller Mut, Kraft, Kampfgeist und Liebe. Ich habe den größten Fehler meines Lebens gemacht und gleichzeitig die Liebe meines Lebens erkannt. Ich habe mich verloren und neu entdeckt. Ich lag am Boden und habe einfach von dort die Wolken beobachtet.

Für mich ist 2017 das Jahr der Gegensätze. Würde ich solche Metaphern benutzen, würde ich es das Borderline Jahr nennen. Es gab keine Mitte. Kein geht so, kein ok. Es gab wunderbar und es gab scheiße. Eine 365 Tage andauernde Gefühlsschwankung, hin und her zwischen Extremen. Ich habe so viel über mich gelernt, wie noch nie zuvor. Habe gelernt, dass ich viel kränker bin, als ich dachte. Gleichzeitig aber, dass ich viel mehr schaffen kann, als ich mir zugetraut hätte. Mehr verkrafte, mehr hoffe… Ja Hoffnung. Das wohl wichtigste, dass ich letztes Jahr lernte, war zu hoffen. Positiv zu denken. Zu glauben und zu vertrauen. Ein umwerfendes Gefühl, voller Hoffnung zu sein.

Wie das neue Jahr für mich wird, kann ich nicht sagen. Es steht viel Wandel an, in beruflicher Hinsicht. Falls ich meine Prüfung bestanden habe, endet meine Ausbildung Ende Januar. Und dann … keine Ahnung. Ein neuer Job muss her. Am besten ein neues Lebensgefühl, ein neues Ich. Ich habe keine Vorsätze für das neue Jahr, außer, dass ich wieder zum Sport gehen will. Raus gehen, aktiv sein, was tun – und zwar was gutes für den Körper, den ich so schlecht behandelt habe. Für das neue Jahr habe ich Hoffnungen und Wünsche. Kein du musst, sondern ein ich will. Ich will wieder leben. Ich will Hobbys und ein soziales Leben. Ich will einen Job finden, den ich gern mache. Ich will ans Meer und in den Zoo. Ich will Grillen und in der Sonne sitzen. Vielleicht mal ein paar Tage wegfahren. Ich will wieder gern leben, mutig sein, stabil, motiviert und unbeschwert. Und ich will, dass der Mann bei allem dabei bleibt, mit ihm älter werden, die Beziehung führen, die wir uns beide wünschen.

Es ist endlich an der Zeit für ein gutes Jahr. Für uns alle.

10 Weeks Later …

Da stehe ich letztens an der Kasse eines Supermarktes, schaue mich um, sehe zum Bäcker und denke: „Hm. Kuchen?!“ Ich bezahle meinen Einkauf, gehe zum Bäcker, hole mir ein Stück Schokokuchen. Ich fahre nach Hause und esse es auf.

– das spannende an dieser Geschichte? Fast zwei Jahre lang wäre nach „Hm. Kuchen?!“ Schluss gewesen. Ich hätte nicht einmal überlegt. Ich hätte das „NEIN!“ meines Kopfes, meiner Angst, einfach so akzeptiert. Ich wäre nach Hause gefahren, hätte mich gehasst, hätte geweint und – ich hätte keinen Kuchen gehabt!

Mittlerweile esse ich seit knapp drei Monaten annähernd normal. Oft sitzt die Angst noch mit mir am Tisch. Aber sie sitzt einfach da, setzt manchmal an, sagt dann aber doch nichts. Ich hoffe, dass wir irgendwann so weit sind, dass die Angst gar nicht mehr zum Essen kommt. Ich habe mich an sie gewöhnt, aber gemocht hab ich sie nie. Was mir am Essen am besten gefällt – der Geschmack. Ich habe erst, als ich wieder aß, gemerkt, was mir alles fehlte. Wie Schokolade auf der Zunge zergeht. Wie knusprig Kroketten sind. Welche Bereicherung Soße für fast jedes Gericht ist. Und immer, wenn die Angst zu einem neuen Schlag ausholt, denke ich daran.

Was meinen Körper angeht, habe ich eine sehr ambivalente Haltung. Hand aufs Herz; ich freue mich, dass ich wieder Brüste habe! Aber alles andere ist gewöhnungsbedürftig. Ich möchte weiterhin zunehmen, einen BMI von 20 erreichen. (Aktuell habe ich 19,5.) Aber, was alles mitschwingt und sich berührt, wenn ich mich bewege, ist doch recht kurios. Unter der Dusche fühle ich mich wie eine Seekuh. Aber zum Glück wirklich nur unter der Dusche. Bekleidet geht es. Apropos Bekleidung; Teile, die ich jahrelang trug, kneifen auf einmal. Ich musste mir neue Unterwäsche kaufen und auch sonst einiges ausmisten. Aber so bekomm ich immerhin ein bisschen Platz für neue Sachen im Schrank.

Aber es gibt auch wirklich gute Seiten (die sich auch so anfühlen): Ich kann wieder Sitzen, ich kann schlafen, ich habe nicht nur Schmerzen, ich kann im Sitzen Dinge auf dem Schoß liegen haben, ich kann meine Einkäufe selbst tragen und ich kann genießen.  Und ich weiß, dass ich nie wieder den Körper zurück will, den ich hatte. Ich will einen Körper, der funktioniert und der sich gut und stark anfühlt.

Über Liebe

Nachdem ich mein Leben kurzfristig extrem verkackt hatte, geht es scheinbar wieder bergauf. Der Mann und ich haben uns entschieden es nochmal zu versuchen. Das ist einerseits ganz wunderbar – und andererseits stellt es mich vor eine Herausforderung. Da ich immer noch keinen Crash-Kurs in Wie führe ich langfristig eine Beziehung gemacht habe, stehe ich dem Ganzen immer noch ziemlich hilflos gegenüber. Wünsche, Träume und Realität passen nicht so ganz zusammen. Die Relation liegt irgendwo bei Stolz und Vorurteil vs. Funktionsgleichungen für die Oberstufe. Und ich stehe wieder da, wie der Ochs vorm Berge und versuche alles irgendwie zusammen zu bekommen.

Ich erinnere mich an damals, vor drei Jahren, als alles anfing. Es war wunderbar emotional. Es war Herzklopfen, bittersüßer Schmerz der Sehnsucht. Es war alles, was es sein konnte und es war umwerfend. Und heute ist es: anders. Und das ist auch irgendwie gut … aber eben anders. Und mir fehlt wie es war. In meinen vorherigen Beziehungen kam ich nie an diesen Punkt. Der, an dem der Alltag vor der Tür steht und sich als neue Basis einschleicht. Und auch, wenn es schon ein paar Monate so geht, ist es immer noch neu und vor allem ungewohnt. Immer wieder frage ich mich, ob es das ist, was ich will, womit ich zurechtkomme. Mein Therapeut sagte, es sei wie der ewige Versuch eines Abhängigen den Zustand des ersten Konsums wiederzuerlangen. Manchmal fühlt es sich auch so an. So verzweifelt sehnend.

Früher wäre ich mit so etwas nicht zurechtgekommen. Früher hätte ich diesem allgegenwärtigen, verzehrenden Wunsch nachgegeben. Einfach, weil es mir einzig um das Gefühl ging. Alles toppen, was bisher gefühlt wurde. Mehr Herzklopfen, mehr Sehnsucht, mehr alles. Der Unterschied zu heute ist die Entscheidung. Es geht nicht einzig um mich, um das, was ich fühle. Es geht um ihn. Darum, mit ihm zu fühlen. Mit ihm zusammen zu sein. Mit ihm zu wachsen. Auch wenn wir nie an die vergangenen Punkte zurückkommen – wir kommen an neue Punkte, an denen wir beide noch niemals waren. (Das hoffe ich zumindest.) Und vielleicht ist es genau das, was es wert ist, die alten Bahnen zu verlassen. Die Vergangenheit ruhen zu lassen und offen zu sein, für das, was kommt. Vielleicht kommt etwas Besseres, wenn man ihm nur die Chance gibt.

Diagnosen

Der folgende Beitrag ist mal etwas sachlicher. Heute geht es um meine Diagnosen. In der Klinik lag der Fokus nicht in erster Linie darauf, Diagnosen zu verteilen und anhand dieser zu therapieren. Es wurde therapiert und nach längerer Zeit über die Diagnosen gesprochen. Das war nicht bei allen so, mein Therapeut war aber nicht der größte Fan dieser Stempel, also wurden sie bei mir erst in einer der letzten Sitzungen besprochen.  Da ich allerdings mit dem Ziel in die Klinik gegangen bin, herauszufinden, was genau nicht mit mir stimmt, war das eine gute Übung in Sachen Frustrationstoleranz. Schließlich erhielt ich am Abreisetag meinen Arztbrief. In diesem lauten die Diagnosen wie folgt:

  • Kombinierte Persönlichkeitsstörung
    Die Anteile nachfolgend nach ihrer Intensität aufgelistet: Borderline; selbstunsicher-vermeidend; dependent; zwanghaft; shizotypisch; paranoid; depressiv; antisozial; histrionisch
  • Rezidivierende depressive Störung mit gegenwärtiger schwerer Episode
  • Atypische Anorexia Nervosa
  • Agoraphobie

Blöd ist, dass ich zu den separaten Anteilen doch noch einige Fragen gehabt hätte, die ich mir nun, wie vor der Klinik, mit Hilfe entsprechender Literatur, selbst beantworten muss. Glücklicherweise – haha – hatte ich in der Vergangenheit genug Zeit dieses Prozedere zu perfektionieren und komme auch allein ganz gut damit zurecht. Trotz allem ist es irgendwie gruselig, wenn man sich für ein Individuum hielt, in Fachbüchern genau nachlesen zu können, wie man so ist.

Perspektiv-Los

Eigentlich wollte ich eine Art Rückblick schreiben. Erzählen, wie es in der Klinik war, was alles passiert ist … Ich habe mich aber viel zu lange in der Vergangenheit aufgehalten – und genau deswegen mache ich genau hier weiter: Im Hier und Jetzt. 

Meine aktuelle Situation lässt sich etwas mit Aschenputtel vergleichen. Die Szene, in der sie vor den verschütteten Erbsen steht und sich – es folgt meine freie Interpretation ihrer Gedanken – denkt: „Fuck!“ Der einzige Unterschied; bei mir sind’s keine Erbsen, es ist mein Leben. Und wer hat’s verbockt? Bingo! Ich ganz allein.

So weit, so verwirrend. Wo also liegt mein Problem? Die Antwort ist so simpel, wie katastrophal: Ich weiß nicht was ich will. Mir fehlt komplett die Perspektive. Alle Jahre wieder ist es so weit, eigentlich immer, wenn sich eine Beziehung dem Ende neigt. Diesmal allerdings war es eigentlich nicht die Beziehung, diesmal waren es die äußeren Umstände, die mich in diese Lage gebracht haben. Und wie so oft, stehe ich vor einem Scherbenhaufen und habe keine Ahnung was ich tun soll. Tag für Tag stehe ich davor, wühle ein bisschen drin rum und frage mich, ob ich noch irgendetwas brauchbares finden werde. Das einzig Klare ist meine – vorübergehende – berufliche Perspektive; ich werde eine stufenweise Wiedereingliederung in Anspruch nehmen und – soweit sich seitens meines Arbeitgebers nichts ändert – im September wieder anfangen ein paar Stündchen zu arbeiten und somit – hoffentlich – meine Ausbildung endlich mal erfolgreich abschließen. Dass mir das ganze ziemlich Angst macht, versteht sich eigentlich von selbst. Deswegen an dieser Stelle kein Mimimi.

Zurück zur Perspektivlosigkeit: In unregelmäßigen Abständen stehe ich immer wieder an dem Punkt wo ich mich also frage: Was will ich? Daraus resultieren Gedanken wie; Wen will ich? Will ich mich binden? Will ich für mich bleiben? Liebe ich? Kann ich lieben? Kann mich überhaupt jemand lieben? Sind meine Gefühle wirklich echt? Und neu dabei: Woher zur Hölle soll jemand wie ich überhaupt wissen, welche Gefühle wirklich echt und dauerhaft sind und welche nicht, wenn sich jeder kleine Mist so unendlich real und final anfühlt? – Ich habe mal gelesen, die Midlife-Crises soll ungefähr so ablaufen. Meinen Glückwunsch an alle, die dieses Dilemma ein bis zwei Mal in ihrem Leben durchlaufen. Alle ein bis zwei Jahre ist das doch dezent nervig. Immerhin birgt meine aktuelle Situation einen großen Vorteil im Vergleich zu den vergangenen: Ich weiß, dass ich nichts auf die schnelle lösen kann, dass keine Gang Tauben kommt und mir unverhofft den Arsch rettet. Ich muss einfach warten und meine Erbsen selbst sortieren. Einfach geduldig sein. Leider nicht meine Königsdisziplin, aber was soll man machen. Immerhin weiß ich nun um meine Möglichkeiten. Entweder ich folge meinen Eintagsfliegen-Emotionen oder, ich verhalte mich mal ansatzweise erwachsen, warte ab und mache es nicht noch schlimmer.

Und warum „Perspektiv-Los“? Ich wäre nicht ich, wenn ich nicht zum Ende noch irgendwas positives, pseudo-weises von mir geben würde: Weil ich endlich die Chance erkenne. Weil ich es besser machen kann, lernen kann, nicht in mein eigenes offenes Messer laufen muss. Ich bin nicht meine Krankheit – und ich lebe keine Symptome; ich lebe mein eigenes Leben. Endlich wieder. Auch, wenn es gerade noch weh tut und schwierig ist, aber hey, ich lebe!

127 Tage

Am 30. Mai 2017 ist es so weit: Antritt der stationären Behandlung in der psychosomatischen Klinik. 

Der erste Tag meiner andauernden Krankschreibung war der 23. Januar 2017. Ich werde also 127 Tage zu Hause verbracht haben, wartend auf Behandlung und Hilfe. Heute ist Tag 125 – das erklärt, warum ich schon so früh nervös wurde im Bezug auf den Klinikaufenthalt. In Relation mit den Tagen, die ich schon warte, ist das nämlich fast nichts. Eigentlich sind es noch ungefähr 60 Tage mehr, die ich warte. Denn für einen stationären Aufenthalt entschied ich mich Anfang Dezember. Eine lange, sehr lange Zeit für jemanden, der akute Hilfe benötigt.

Durch den Kontakt mit anderen Menschen in ähnlichen Situationen weiß ich, dass es auch erheblich schneller gehen kann. Bei mir dauert alles ungewöhnlich lange. Aber vielleicht brauchte ich diese Zeit. Rückblickend denke ich, dass ich heute in wesentlich besserer Verfassung für eine Behandlung bin, als noch im Februar. Ich habe die Zeit zu Hause genutzt. Natürlich denke ich, dass ich sie besser hätte nutzen können, dass ich mehr hätte tun können – aber so bin ich eben.

Ich habe mir endlich mal Zeit für mich genommen. Mich auseinander gesetzt mit Diagnosen und Symptomen, reflektiert, analysiert und hinterfragt. Mich ein bisschen genauer unter die Lupe genommen. Vorher hatte ich nie die Zeit, den Raum und vor allem den Mut für diese Dinge. Ich weiß lange, dass es früher oder später nötig sein würde, meine Baustellen mal genauer anzuschauen. Ich habe das gute zehn Jahre aufgeschoben, in erster Linie aus Angst. Angst, die Komfortzone verlassen zu müssen, mir die eigenen Unzulänglichkeiten und besonders auch die Fehler einzugestehen, den Schmerz ertragen zu müssen. Kurzum; ich war nicht bereit. Und das ist in Ordnung. Noch besser ist aber; jetzt bin ich bereit! Und jetzt ist genau der richtige Zeitpunkt dafür.

Die verhältnismäßig geringere Veränderung geschah mit meinem Körper – diese ist dennoch nicht weniger wichtig. Monatelang konnte ich kaum schlafen, hatte schlimme Schmerzen und andere Mangelerscheinungen, die mich fast in den Wahnsinn trieben. Mitte März habe ich endlich begriffen, dass ich der einzige Mensch bin, der in der Lage ist, diesen Zustand zu beenden. Fortan nahm ich regelmäßig Nahrungsergänzungsmittel und aß täglich mindestens zwei Mahlzeiten. Das ist lange noch nicht genug – aber es ist ein Anfang. Ich ernähre mich immer noch nur von meinen zehn sicheren Lebensmitteln. Aber ich esse regelmäßig, lasse keine Mahlzeiten mehr aus, aus Angst vor möglichen negativen körperlichen Auswirkungen. Seit Mitte März klappt das – bis auf paar Tage – sehr gut und ich habe 2,5kg zugenommen! Dass ich mich darüber ehrlich freuen kann, ist ein weiterer kleiner Sieg. Durch das Nachlassen der Schmerzen, das Entfallen des Stresses durch die Arbeit und das Näherrücken des Klinikaufenthaltes, kann ich endlich wieder ganz gut schlafen. Ich habe das erste Mal seit … ja, eigentlich seit immer, einen Rhythmus. Ich brauche keinen Wecker mehr. Für mich ist das ein kleines Wunder. Ich gehörte immer zu den Menschen, die problemlos im Tiefschlaf, einen Feuerwehreinsatz in der eigenen Wohnung verpasst hätten.

Im ersten Quartal des Jahres, hatte ich noch das Gefühl versagt zu haben, gescheitert zu sein am Leben, einen Rückschlag erlitten zu haben. Das hat sich in diesen 127  Tagen grundlegend verändert. Es steht so viel mehr auf der Haben Seite, als vor der Krankheitsphase. Ich bin näher dran zu wissen, wer ich bin, was ich kann und wohin ich will, als jemals zuvor. Sogar meine berufliche Zukunft hat sich konkretisiert – und das einzig durch die Erfahrung länger nicht zu arbeiten. Paradox, aber effektiv. Ich weiß jetzt, dass ich meine Schwächen und Fehler genau so berücksichtigen muss, wie meine Stärken, wenn ich erfolgreich sein will. Nicht nur beruflich, sondern allgemein. Ich lasse mich nicht mehr aufhalten und einschüchtern von allem, was ich nicht kann. Stattdessen weiß ich, dass ich eine Harmonie der Dinge anstreben muss, die ich brauche, kann und erreichen möchte. Schwächen verleugnen wird mich früher oder später wieder an einen ähnlichen Tiefpunkt bringen. Und das ist keine Option.

In Pinguin habe ich geschrieben, dass ich nicht mein Leben von vorher zurück will. Ich will nicht wieder die Person sein, die ich war. Ich will besser sein. Mir ein fürsorglicher und verlässlicher, ehrlicher Partner sein. Das ist der eigentliche Gewinn. Ich weiß, wo ich hin will. Ich gehe mit einem klaren Ziel in die Klinik. Das nimmt mir ein wenig die Angst vor dem Ungewissen. Anfang des Jahres war ich mir nicht sicher, dass ich es überhaupt bis heute schaffen würde. Ich dachte, nicht stark genug zu sein. Jetzt weiß ich, dass ich noch viel stärker bin. Ich habe es geschafft diese schlimme Zeit allein, ohne professionelle Hilfe, zu überstehen. Dann können noch sechs Wochen – in denen ich Krisen nicht allein überwinden muss, nicht einsam bin mit der Angst, Menschen um mich habe, die mir helfen können – nicht so schlimm sein!

– soweit zumindest die Theorie. Natürlich habe ich Angst. Ganz gewaltig sogar. Aber auch das gehört dazu. Und ich kenne mich gut genug, um zu wissen, dass ich darauf nicht hören darf. Angst ist in Ordnung, aber die Entscheidungen trifft der logische, reflektierte Teil in mir. Solange ich mir das bewahre, bin ich zuversichtlich!