Über Liebe Pt.II

Ob meine psychischen Erkrankungen meine Beziehung belasten? – Aber ja! Wenn es nicht sogar das Einzige ist, das meine Beziehung belastet. Jede Auseinandersetzung, jeder kleine Streit, immer geht es um mein Verhalten. Meine unangemessenen Befürchtungen und Gefühle. Paranoia, Stimmungsschwankungen, die allgemein berühmte Angst verlassen zu werden … es ist immer das gleiche Spiel; Der Mann geht, die Frau rastet aus. Mal so, mal so. Aber irgendwas ist immer. Ob es nun darum geht, dass Frauen bei seiner Unternehmung dabei sind, er einfach nicht da ist, ich mich zurückgesetzt und allein fühle oder mein Kopf mir wieder tausend Szenarien generiert, in denen er irgendetwas Schlimmes tun könnte.

Man könnte sich jetzt fragen; Warum gehe ich nicht einfach mit? – Und genau das ist der Punkt: Das kann ich auch nicht! Und genau da liegt das Problem: Ich will mit, ich traue mich nur nicht. Weil ich Angst habe vor dem Rausgehen. Immer noch. Und vor den Menschen. Vor allem irgendwie. Weil er das alles aber eben nicht hat und, genau wie ich, eingehen würde in der Wohnung, geht er raus. Und ich bleibe zurück und hasse mich und ihn und die Welt. Und weil ich ja eben kein normaler Mensch bin, kann ich das Ganze auch nicht einfach für mich behalten. Nein. Er muss es wissen. Muss spüren, dass es mir nicht gut geht. Soll da sein. Soll mir Liebe zeigen. Weil die ja nun mal, wie es bei Borderline ist, weg ist, sobald er weg ist.

Dieser Fakt war mir bis vor Kurzem gar nicht bewusst. Bis ich es gelesen habe. Menschen mit Borderline können sich die Liebe, die ihnen entgegen gebracht wird, nicht „merken“. Es ist wie mit einem kleinen Kind, das denkt Mama ist für immer weg, wenn Mama nur eben schnell in die Küche geht. Was mir zum Glück manchmal ein bisschen hilft, ist die Tatsache, dass ich meinen Verstand nutzen kann. Ich weiß ja, dass er wieder kommt. Dass er mich nicht vergisst, wenn ich nicht bei ihm bin. Aber es fühlt sich eben nicht so an. Und beim Kampf Gefühle gegen Verstand gewinnen bei mir überwiegend die Gefühle. Und dann geht mein Diskutieren wieder los. Und das Ende vom Lied ist; alle haben schlechte Laune und ich habe die Stimmung, die ich prophezeit habe.

Und ich rutsche immer wieder in dieses Muster. Tag für Tag. Es ist immer das Gleiche. Der Mann ist genervt. Ich bin genervt. Der nächste Punkt auf meiner Liste ist dieses Verhalten irgendwie zu ändern. Ihm einfach zu sagen, was wirklich das Problem ist – das wirkliche Problem überhaupt erstmal erkennen. Denn jedes Mal gehe ich mir wieder auf den Leim und denke, ich könnte ja dieses Mal Recht haben mit meiner Paranoia oder dem anderen Mist. Das Gefühl der „ewigen Baustelle“ schleicht sich ein. Immer wider ist irgendwas. Immer muss an irgendwas gearbeitet werden. Es hört nie auf. Und ich habe doch langsam keine Lust mehr permanent an meiner Psyche herumzudoktern. Aber was tut man nicht alles für den Menschen, den man liebt …

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Türen

Abschlussprüfung bestanden. Puh. Und nun? So richtig fassen kann ich es noch nicht. Nach all den Hürden, all dem Kämpfen, habe ich eine abgeschlossene Berufsausbildung. Endlich bin ich etwas. Bin Mediengestalterin.

Die Gedanken schwirren von hier nach dort, aber so richtig konkret werden sie nicht. Jetzt, an diesem Punkt, wo mir alle Türen offen stehen, habe ich keine Ahnung, was ich tun soll. Mir fehlt die Kontrolle. Und ich hasse es. Ich könnte mich freuen, über diesen Überfluss an Möglichkeiten. Aber aktuell bin ich arbeitslos und habe noch keine konkrete Perspektive – abgesehen von all den Dingen, um die ich mich kümmern muss, um Arbeitslosengeld zu bekommen.

Ich kann all die Türen sehen, die mir offen stehen – aber ich sehe nicht, was dahinter steht. Kenne nicht die Menschen, mit denen ich mich zukünftig umgeben muss, die Arbeitszeiten, den Ort. Das alles stresst mich. Ich hasse Ungewissheit. Gleichzeitig die Frage: Kann ich das alles schaffen? Ich habe schließlich über ein Jahr nicht mehr Vollzeit gearbeitet. Kann ich das je wieder? Es hat doch vorher auch geklappt – aber werde ich je wieder sein wie vorher? Werde ich wieder dieser halbwegs belastbare Mensch, der ich mal war. Jemand, der sich gern über seine Arbeit definiert, jemand, der das alles hinbekommt?

Fragen über Fragen. Und mir ist klar, dass ich die Antwort nicht zu Hause irgendwo zwischen Sofa und Kühlschrank finden werde, sondern, dass sie irgendwo da draußen zwischen Bewerbungsgesprächen und Probearbeit liegt. Auch, wenn das alles wahnsinnig Angst macht, wird es irgendwann nur eine Erinnerung an eine weitere schwierige Zeit sein. Dieser Gedanke macht mir Mut. Was auch immer geschieht, irgendwie geht es voran. Und wenn es morgen noch nicht klappt mit dem Arbeiten, dann vielleicht übermorgen oder den Tag danach. Ich habe noch so viel Zeit vor mir, in der ich noch etwas auf die Beine stellen, mich verändern kann.

Käfig

Es ist Samstag. Ich bin allein, liege auf dem Sofa und schaue Pretty Little Liars. Für mich eine Serie über Freundschaft, Beziehungen, Lifestyle. Shoppen, Kaffee trinken gehen, gemeinsam essen. All das, was ich nicht habe. Und der Mann ist weg. Feiern, mit seinen Freunden. Auch gemeinsam. Spaß haben, reden, lachen. Ich will das auch – können! Er fragt jedes Mal, ob ich mitkommen will. Immer. Und immer kann ich nicht. Ich schaffe es einfach nicht. Nicht weg von den Ängsten, den Zweifeln, der Sorge, etwas könne passieren.

An manchen Tagen denke ich, ich bekomme den Stock einfach nicht aus dem … . An anderen Tagen dann, sehe ich die Fortschritte; Ich kann allein einkaufen fahren, fast wann immer ich will. Ich habe es vier Monate zur Arbeit geschafft, ich kann telefonieren. Aber dann sind auch Tage da, an denen will ich nicht mehr. Will das nicht mehr aushalten müssen, dieses wollen aber nicht können. Dieses zerreißende Gefühl irgendwo zwischen Sehnsucht, Eifersucht und Selbsthass. Gefangen im eigenen Käfig.

Früher wollte ich gar nicht. Früher, da war ich gern allein. Habe Serien geschaut, gemalt, mir die Nägel gemacht … Und dann kam die Klinik. Zehn Wochen immer unter Menschen, ich mochte das. Der erste Kaffee morgens in der Raucherecke, bis zur letzten Zigarette abends. Immer Menschen. Immer Kontakt. Immer mit der Gewissheit, dass die Flucht jederzeit möglich ist, weil jeder es versteht. Auch, wenn ich kaum flüchten musste. Aber das fehlt. Ich hätte nie gedacht, dass ich das mal sage, aber; mir fehlen Menschen. Der Ferienlagercharakter der Klinik.

Und dann sitze ich zu Hause und bin unfähig zu tun, was ich tun will. Unter Menschen sein. In mir immer noch die Hoffnung, dass es im Frühling besser wird, dass es überhaupt besser wird. Manchmal bin ich mir so sicher. Manchmal denke ich, ich werde einsam sterben. Ich versuche es mit dem Essen zu vergleichen; vor einem Jahr aß ich zehn Lebensmittel. Heute esse ich Kuchen nach der Pizza. Vielleicht ist es mit dem sozialen Leben das Gleiche, vielleicht braucht es einfach Zeit, vielleicht muss ich es genug wollen. Vielleicht ist es tatsächlich noch nicht genug und ich muss den Schmerz der Einsamkeit gipfeln lassen.

Ich weiß es nicht. Was ich aber weiß ist, dass ich Hoffnung habe. Ich sehe mich, wie schon oft erwähnt, mit dem Mann im Kino oder Zoo. Mit der besten Freundin im Café. Ich sehe mich dort, wo ich hin will. Und ich hoffe, dass ich eines Tages von dort zurückblicken kann …

(K)ein Jahresrückblick

Ein Jahr ist vergangen, seit ich meine ersten tapsigen Schritte in Richtung Recovery gemacht habe und beschlossen habe, diesen Weg zu teilen. Ich habe überlegt einen Jahresrückblick zu schreiben. Aber wenn ich an das vergangene Jahr denke, ist mein erster Gedanke, es hinter mir zu lassen. Es war ein Jahr voller Schmerz, Angst, Einsamkeit und Hoffnungslosigkeit. Genau so war es aber auch voller Mut, Kraft, Kampfgeist und Liebe. Ich habe den größten Fehler meines Lebens gemacht und gleichzeitig die Liebe meines Lebens erkannt. Ich habe mich verloren und neu entdeckt. Ich lag am Boden und habe einfach von dort die Wolken beobachtet.

Für mich ist 2017 das Jahr der Gegensätze. Würde ich solche Metaphern benutzen, würde ich es das Borderline Jahr nennen. Es gab keine Mitte. Kein geht so, kein ok. Es gab wunderbar und es gab scheiße. Eine 365 Tage andauernde Gefühlsschwankung, hin und her zwischen Extremen. Ich habe so viel über mich gelernt, wie noch nie zuvor. Habe gelernt, dass ich viel kränker bin, als ich dachte. Gleichzeitig aber, dass ich viel mehr schaffen kann, als ich mir zugetraut hätte. Mehr verkrafte, mehr hoffe… Ja Hoffnung. Das wohl wichtigste, dass ich letztes Jahr lernte, war zu hoffen. Positiv zu denken. Zu glauben und zu vertrauen. Ein umwerfendes Gefühl, voller Hoffnung zu sein.

Wie das neue Jahr für mich wird, kann ich nicht sagen. Es steht viel Wandel an, in beruflicher Hinsicht. Falls ich meine Prüfung bestanden habe, endet meine Ausbildung Ende Januar. Und dann … keine Ahnung. Ein neuer Job muss her. Am besten ein neues Lebensgefühl, ein neues Ich. Ich habe keine Vorsätze für das neue Jahr, außer, dass ich wieder zum Sport gehen will. Raus gehen, aktiv sein, was tun – und zwar was gutes für den Körper, den ich so schlecht behandelt habe. Für das neue Jahr habe ich Hoffnungen und Wünsche. Kein du musst, sondern ein ich will. Ich will wieder leben. Ich will Hobbys und ein soziales Leben. Ich will einen Job finden, den ich gern mache. Ich will ans Meer und in den Zoo. Ich will Grillen und in der Sonne sitzen. Vielleicht mal ein paar Tage wegfahren. Ich will wieder gern leben, mutig sein, stabil, motiviert und unbeschwert. Und ich will, dass der Mann bei allem dabei bleibt, mit ihm älter werden, die Beziehung führen, die wir uns beide wünschen.

Es ist endlich an der Zeit für ein gutes Jahr. Für uns alle.

10 Weeks Later …

Da stehe ich letztens an der Kasse eines Supermarktes, schaue mich um, sehe zum Bäcker und denke: „Hm. Kuchen?!“ Ich bezahle meinen Einkauf, gehe zum Bäcker, hole mir ein Stück Schokokuchen. Ich fahre nach Hause und esse es auf.

– das spannende an dieser Geschichte? Fast zwei Jahre lang wäre nach „Hm. Kuchen?!“ Schluss gewesen. Ich hätte nicht einmal überlegt. Ich hätte das „NEIN!“ meines Kopfes, meiner Angst, einfach so akzeptiert. Ich wäre nach Hause gefahren, hätte mich gehasst, hätte geweint und – ich hätte keinen Kuchen gehabt!

Mittlerweile esse ich seit knapp drei Monaten annähernd normal. Oft sitzt die Angst noch mit mir am Tisch. Aber sie sitzt einfach da, setzt manchmal an, sagt dann aber doch nichts. Ich hoffe, dass wir irgendwann so weit sind, dass die Angst gar nicht mehr zum Essen kommt. Ich habe mich an sie gewöhnt, aber gemocht hab ich sie nie. Was mir am Essen am besten gefällt – der Geschmack. Ich habe erst, als ich wieder aß, gemerkt, was mir alles fehlte. Wie Schokolade auf der Zunge zergeht. Wie knusprig Kroketten sind. Welche Bereicherung Soße für fast jedes Gericht ist. Und immer, wenn die Angst zu einem neuen Schlag ausholt, denke ich daran.

Was meinen Körper angeht, habe ich eine sehr ambivalente Haltung. Hand aufs Herz; ich freue mich, dass ich wieder Brüste habe! Aber alles andere ist gewöhnungsbedürftig. Ich möchte weiterhin zunehmen, einen BMI von 20 erreichen. (Aktuell habe ich 19,5.) Aber, was alles mitschwingt und sich berührt, wenn ich mich bewege, ist doch recht kurios. Unter der Dusche fühle ich mich wie eine Seekuh. Aber zum Glück wirklich nur unter der Dusche. Bekleidet geht es. Apropos Bekleidung; Teile, die ich jahrelang trug, kneifen auf einmal. Ich musste mir neue Unterwäsche kaufen und auch sonst einiges ausmisten. Aber so bekomm ich immerhin ein bisschen Platz für neue Sachen im Schrank.

Aber es gibt auch wirklich gute Seiten (die sich auch so anfühlen): Ich kann wieder Sitzen, ich kann schlafen, ich habe nicht nur Schmerzen, ich kann im Sitzen Dinge auf dem Schoß liegen haben, ich kann meine Einkäufe selbst tragen und ich kann genießen.  Und ich weiß, dass ich nie wieder den Körper zurück will, den ich hatte. Ich will einen Körper, der funktioniert und der sich gut und stark anfühlt.

Über Liebe

Nachdem ich mein Leben kurzfristig extrem verkackt hatte, geht es scheinbar wieder bergauf. Der Mann und ich haben uns entschieden es nochmal zu versuchen. Das ist einerseits ganz wunderbar – und andererseits stellt es mich vor eine Herausforderung. Da ich immer noch keinen Crash-Kurs in Wie führe ich langfristig eine Beziehung gemacht habe, stehe ich dem Ganzen immer noch ziemlich hilflos gegenüber. Wünsche, Träume und Realität passen nicht so ganz zusammen. Die Relation liegt irgendwo bei Stolz und Vorurteil vs. Funktionsgleichungen für die Oberstufe. Und ich stehe wieder da, wie der Ochs vorm Berge und versuche alles irgendwie zusammen zu bekommen.

Ich erinnere mich an damals, vor drei Jahren, als alles anfing. Es war wunderbar emotional. Es war Herzklopfen, bittersüßer Schmerz der Sehnsucht. Es war alles, was es sein konnte und es war umwerfend. Und heute ist es: anders. Und das ist auch irgendwie gut … aber eben anders. Und mir fehlt wie es war. In meinen vorherigen Beziehungen kam ich nie an diesen Punkt. Der, an dem der Alltag vor der Tür steht und sich als neue Basis einschleicht. Und auch, wenn es schon ein paar Monate so geht, ist es immer noch neu und vor allem ungewohnt. Immer wieder frage ich mich, ob es das ist, was ich will, womit ich zurechtkomme. Mein Therapeut sagte, es sei wie der ewige Versuch eines Abhängigen den Zustand des ersten Konsums wiederzuerlangen. Manchmal fühlt es sich auch so an. So verzweifelt sehnend.

Früher wäre ich mit so etwas nicht zurechtgekommen. Früher hätte ich diesem allgegenwärtigen, verzehrenden Wunsch nachgegeben. Einfach, weil es mir einzig um das Gefühl ging. Alles toppen, was bisher gefühlt wurde. Mehr Herzklopfen, mehr Sehnsucht, mehr alles. Der Unterschied zu heute ist die Entscheidung. Es geht nicht einzig um mich, um das, was ich fühle. Es geht um ihn. Darum, mit ihm zu fühlen. Mit ihm zusammen zu sein. Mit ihm zu wachsen. Auch wenn wir nie an die vergangenen Punkte zurückkommen – wir kommen an neue Punkte, an denen wir beide noch niemals waren. (Das hoffe ich zumindest.) Und vielleicht ist es genau das, was es wert ist, die alten Bahnen zu verlassen. Die Vergangenheit ruhen zu lassen und offen zu sein, für das, was kommt. Vielleicht kommt etwas Besseres, wenn man ihm nur die Chance gibt.

Diagnosen

Der folgende Beitrag ist mal etwas sachlicher. Heute geht es um meine Diagnosen. In der Klinik lag der Fokus nicht in erster Linie darauf, Diagnosen zu verteilen und anhand dieser zu therapieren. Es wurde therapiert und nach längerer Zeit über die Diagnosen gesprochen. Das war nicht bei allen so, mein Therapeut war aber nicht der größte Fan dieser Stempel, also wurden sie bei mir erst in einer der letzten Sitzungen besprochen.  Da ich allerdings mit dem Ziel in die Klinik gegangen bin, herauszufinden, was genau nicht mit mir stimmt, war das eine gute Übung in Sachen Frustrationstoleranz. Schließlich erhielt ich am Abreisetag meinen Arztbrief. In diesem lauten die Diagnosen wie folgt:

  • Kombinierte Persönlichkeitsstörung
    Die Anteile nachfolgend nach ihrer Intensität aufgelistet: Borderline; selbstunsicher-vermeidend; dependent; zwanghaft; shizotypisch; paranoid; depressiv; antisozial; histrionisch
  • Rezidivierende depressive Störung mit gegenwärtiger schwerer Episode
  • Atypische Anorexia Nervosa
  • Agoraphobie

Blöd ist, dass ich zu den separaten Anteilen doch noch einige Fragen gehabt hätte, die ich mir nun, wie vor der Klinik, mit Hilfe entsprechender Literatur, selbst beantworten muss. Glücklicherweise – haha – hatte ich in der Vergangenheit genug Zeit dieses Prozedere zu perfektionieren und komme auch allein ganz gut damit zurecht. Trotz allem ist es irgendwie gruselig, wenn man sich für ein Individuum hielt, in Fachbüchern genau nachlesen zu können, wie man so ist.